"Wichtig ist das gemeinsame Spielerleben"

"Was können Eltern tun, wenn ihre Kinder zu viel Computer spielen?" Spielen Verbindet  führte ein Gespräch mit dem Diplom-Psychologen Klaus Wölfling, der an der Universitätsklinik Mainz die Ambulanz für Spielsucht leitet. Diese bietet im Rahmen eines Modellprojektes erstmalig in Deutschland auch gruppentherapeutische Behandlungs- angebote für das Störungsbild Computerspiel- bzw. Internetsucht an. Neben der ambulanten Therapie gibt es auch eine  anonyme und kostenlose telefonische Beratung für Betroffene von Verhaltens- süchten sowie deren Angehörige, Partner oder Freunde. 

 

Herr Wölfling, woran erkennen Eltern, ob ihr Kind zu viel Computer spielt?
Grundsätzlich muss man unterscheiden zwischen einem normalen Spielkonsum, "problematischem Spielen" und Abhängigkeit. Schon zwei bis drei Stunden pro Tag sind - über einen längeren Zeitraum - als problematisch anzusehen. Intensive Spielphasen sind zwar nichts Ungewöhnliches. Aber wenn eine solche Phase mehr als sechs Monate dauert, können Eltern davon ausgehen, dass ein problematisches Spielverhalten vorliegt. Abhängigkeit erkennt man daran, dass das Kind nicht mehr spielt, weil es spielen möchte, sondern weil es spielen muss. Definitionen verwenden hier den Begriff des "Verlangens". Dem Verlangen ordnen sich die anderen Kräfte des Verstandes unter. Das bedeutet: Jemand vernachlässigt seine physiologischen Triebe (Schlafen, Essen, Toilettengang usw.) und spielt zum Beispiel 72 Stunden am Stück. Dabei wird die Kraft des Verstandes, die uns normalerweise leitet, die unseren Körper in einem gesunden Gleichgewicht hält, durch den Spieltrieb überdeckt. Letztlich geht es immer darum, dass das Kind aus freien Stücken vom Spielen lassen kann - genau diese Möglichkeit hat man in einer Abhängigkeit aber nicht mehr. Die Patienten handeln dann "wider besseres Wissen". Zu sehen ist das natürlich an den Spielzeiten.

 

Welche ersten, konkreten Schritte empfehlen Sie, falls mein Kind tatsächlich zu viel am Computer spielt? Soll ich ihm das nicht einfach verbieten?
Verbote sind natürlich immer schwierig durchzusetzen. Zum einen, weil man auch heimlich bei Freunden oder in Internet-Cafés spielen kann. Zum anderen, weil das Spielen häufig in einem sozialen Rahmen stattfindet und keine Gefahr der Vereinsamung besteht. Wenn beispielsweise die Freunde im Hobbykeller gemeinsam eine LAN-Party feiern, ist das unproblematisch, denn es bestehen direkte soziale Kontakte. Erst wenn sich das aus dem realen Leben loslöst, wenn die Jungs nicht mehr rausgehen und auch keine Freunde mehr zu sich hereinlassen, dann haben wir das Grundproblem. Das Soziale ist immer ein Schutzfaktor. So lange gemeinsam gespielt wird, ist alles in Ordnung. Präventiv kann eine zeitliche Begrenzung des Computerspielens sinnvoll sein. Spielzeiten sollten gemeinsam ausgehandelt werden. Im übrigen gibt es auch technische Möglichkeiten, das Spielen einzugrenzen: Zum Beispiel hat die Spiele-Firma "Blizzard Entertainment" für ihr Online-Rollenspiel "World of Warcraft" eine sogenannte Elternsperre eingerichtet. Über einen Passwortschutz kann der Spielkonsum zeitlich eingegrenzt werden.

 

Wie sollten Eltern vorgehen, wenn sie Spielzeiten mit ihren Kindern aushandeln?
Kleine Belohnungen sind eine Möglichkeit. Wichtig ist aber vor allem das gemeinsame Spielerleben. Damit sollten die Eltern schon im frühen Alter der Kinder beginnen. Leider nutzen Eltern den Computer häufig, um ihre Kinder ruhig zu stellen, um Zeit für eigene Dinge zu haben. Für den Nachwuchs wird der Computer dann zum Tröster, zum wunderbaren Beschäftiger. Wenn das früh gelernt wird, kann sich ein solches Verhalten natürlich stark automatisieren. So lange die Eltern etwas mit den Kindern unternehmen, also ins Freibad gehen oder ähnliches, passiert so etwas nicht. Wenn der Computer aber die einzige Freizeitoption ist, die Kinder oder Jugendliche haben, wird es schwierig. Das ist die Gefahr: Wir haben nicht nur Vielspieler, sondern auch pathologische Ausprägungen.

 

Wo beginnt die Abhängigkeit?
Eine allgemein gültige Antwort ist schwierig, denn die Wirkung ist bei jedem Menschen anders. Wer aber mehr als sechs Stunden pro Tag über einen längeren Zeitraum spielt - und nicht nur eine kurze, intensive Spielepisode durchlebt - ist möglicherweise betroffen.

 

Was bedeutet "längerer Zeitraum"?
Länger als zwei Monate. Ist das der Fall, kann man ganz klar sagen: Hier liegt etwas im Argen. Es werden andere Dinge vernachlässigt, die wichtig sind. Die psychischen, sozialen und körperlichen Belange kommen zu kurz. Typisch ist für einen solchen Fall auch, dass die Freunde, die es vorher gab, den Kontakt eingestellt haben, nicht mehr auftauchen und nicht mehr anrufen. Das berichten Eltern, die ihre Kinder zu uns in die Ambulanz bringen, immer wieder. Ein typischer Verlauf sieht so aus: Freunde, die vorbeikommen und gemeinsam etwas unternehmen wollen, werden mit Ausreden weggeschickt. Später meldet man sich gar nicht mehr, und es findet soziale Vereinsamung statt. Dabei merkt ein Kind schon selbst ganz gut, dass das eigentlich nicht ok ist, wenn es nur noch alleine vor dem Monitor sitzt. Klassische Symptome einer Fehlentwicklung sind auch die Schulverweigerung - also das Fernbleiben - und eine Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus. Hinzu kommen Fehlernährung, Muskelverspannung und ähnliches.

 

Wer kommt zu Ihnen in die Ambulanz?
Vorwiegend männliche Jugendliche zwischen 16 und 25 Jahren. Es kommen aber auch Eltern mit ihren 12-jährigen Kindern vorbei. Vor dem 16., 17. Lebensjahr existiert meist nur ein "problematisches" Spielverhalten, aber noch keine Abhängigkeit. Die tritt erst etwas später auf. Mit 16 oder 17 Jahren lässt man sich nicht mehr so viel sagen, die Kontrolle durch die Eltern ist auch nicht mehr so hoch, und da kann der Spielkonsum dann entgleiten. Wir haben auch Ausreißer im Alter bis zu 40 Jahren und älter. Der Hauptanteil, rund 60 Prozent, liegt aber zwischen 17 und 25 Jahren.

 

Wie läuft die Kontaktaufnahme zur Ambulanz konkret ab?
Junge Erwachsene kommen meist alleine vorbei. Sie haben beispielsweise über die Studienberatung oder psychosoziale Beratung den Weg zu uns gefunden. Wer noch keine 18 ist, kommt mit den Eltern in die Ambulanz. Eltern und Kinder stellen sich dann zusammen vor. Wir führen zuerst ein gemeinsames Gespräch, dann eines mit dem Kind alleine. Abschließend folgt dann nochmals ein gemeinsames Gespräch. Wir versuchen dabei, auf beraterischer Ebene eine Lösung zu finden. Die Psychotherapie wenden wir erst ab 17 Jahren an.

 

Wie laufen die psychotherapeutischen Sitzungen ab?
Standard sind bei uns zwanzig wöchentliche Gruppensitzungen. Ziel der Gruppentherapie ist, dass die Jugendlichen ihre eigene Situation in anderen wiedererkennen, dass sie miteinander reden können. Das Reden vor einer Gruppe ist für die meisten nicht einfach, weil sie lange Zeit alleine vor dem Monitor. Einige von ihnen waren immer schon etwas zurückgezogen und introvertiert Insofern ist die Gruppentherapie das beste Mittel, weil man da einfach gezwungen ist, mit anderen zu interagieren. Der zeitliche Ablauf ist folgendermaßen: Den Anfang machen fünf Einzelsitzungen, in denen wir eine Diagnose erstellen. Dann folgen die zwanzig Gruppensitzungen im wöchentlichen Rhythmus und zusätzlich alle 14 Tage ein Einzelgespräch, um spezielle Probleme zu besprechen.

(Autor: Spielen verbindet)

 

Interview vom 03.08.2009

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