Dr. Markus Kurscheidt weiß als Sportökonom an der Ruhr-Universität Bochum, was Millionen von E-Sportlern begeistert. Ein Interview über Bewertungen und Potenziale von E-Sports.
Herr Kurscheidt, sind E-Sportler eigentlich richtige Sportler?
Der Sportbegriff ist nicht in Stein gemeißelt. Wie sich E-Sports weiterentwickelt, wird die Zeit zeigen. Für mich sind jedenfalls alle Elemente dabei, die einen Sport ausmachen: Regeln, Treffen, Wettkämpfe, Spielmodi, und am Ende werden Sieger gekürt. Zudem: Um E-Sports auszuüben, braucht man besondere Fähigkeiten, die es zu trainieren gilt.
Warum ist E-Sports für viele Organisationen und Branchen kein Thema?
Das liegt unter anderem an der Komplexität dieser sehr jugendlichen Szene. Parallelen gibt es da auch im etablierten Sport. Schauen Sie in die Snowboard-Szene, auch diese Gruppe hat ihre eigene Musik, eigene Kleidung, eigene Sprachcodes. Da braucht es eine gehörige Portion langfristiges Vertrauen.
Sind für Sie alle anerkannten Sportarten tatsächlich Sport?
Ich bezweifel das manchmal für den Motorsport; das ist eine einzige Materialschlacht. Wäre ich ein Zyniker, würde ich sagen, die Ingenieure sind die wirklichen Sportler im Motorsport. Aber: Der Motorsport hat die kompetitiven Elemente, die auch der E-Sports hat. Die Auseinandersetzung ist spannend, es gibt Wettkämpfe und Stars. Entlang des Motorsports hat sich eine gewaltige Wertschöpfungskette gebildet – und in Wirklichkeit stellt niemand den Begriff Sport beim Motorsport infrage.
Herrscht etwa lediglich eine große Begriffsverwirrung?
Ja, das kann man so sagen. Und viel Unkenntnis. Wenn körperliche Anstrengung das zentrale Kriterium für Sport wäre, müsste auch der Bassist einer Rockband als Sportler durchgehen. E-Sports findet zwar am Rechner statt, aber man darf nicht vergessen, dass sich professionelle Spieler nur durch Ausgleichssport ihre für die Konzentration notwendige Fitness erhalten, wie auch Rennfahrer im Motorsport.
Welche Zukunft hat E-Sports?
Eine sehr große! Sein Plus ist die Vernetzung. Nur durch die Netzwerke im virtuellen Raum konnte E-Sports in kürzester Zeit derart wachsen. Fußballspiele dauern zwei mal 45 Minuten, eventuell noch mit Verlängerung und Elfmeterschießen, dann ist Schluss. E-Sports ist grenzenlos, weltweit und zeitlos, lässt sich rund um die Uhr spielen. Die Vernetzung spielt auch eine große Rolle in der Vermarktung von E-Sports als Gut.
Wird E-Sports einmal so angesehen sein wie traditionelle Sportarten?
Ich sehe Parallelen zum Kampfsport. Der wird sich auch nie ganz von allen Vorurteilen befreien lassen.
Manche Wissenschaftler meinen, E-Sports werde den traditionellen Sport verdrängen. Wird das geschehen?
Meiner Meinung nach nicht. Hier in Deutschland wird Fußball weiterhin der universale Sport bleiben, der die Massen begeistert, der aktiv betrieben wird und den man passiv konsumieren kann. Fußball ist in Deutschland unantastbar. Aber es kann durchaus sein, dass Spiele wie "FIFA 06" zur WM 2006 im eigenen Land einen weiteren großen Schritt nach vorne machen.
(Autor: Sven Hansel; Quelle: Electronic Arts)
Interview vom 28.07.2008

