Mehr als 1,5 Millionen E-Sportler

Dass E-Sports keine Randerscheinung mehr ist, belegen die Zahlen: In Deutschland existieren mehr organisierte Mitglieder als der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) Leichtathleten oder Handballer hat. Rund anderthalb Millionen E-Sportler gab es bereits im Jahr 2005 hierzulande – zusammengeschlossen in rund 40.000 Teams, die "Clans" heißen. Tendenz steigend. Denn jeden Monat melden sich rund 10.000 neue Spielerinnen und Spieler an, bei denen es – wie im realen Sport auch – um Leistung geht. Bloß werfen sie nicht den Speer in einem realen Stadion oder schmettern Bälle übers Netz, sondern arbeiten mit Maus und Keyboard. Sie wollen Tore schießen und den Gegner Schachmatt setzen, bei modernen Räuber-und-Gendarm-Spielen Geiseln befreien oder schneller als andere eine Bombe entschärfen. Bei Online-Spielen geht es im Wesentlichen um Strategie, schnelle Reaktion und Hand-Auge-Koordination. Man spielt eins gegen eins, im Team oder gegen die künstliche Intelligenz der Gegner aus dem Rechner. 

 

Jedoch sind diese Tatsachen samt den aktuellen Entwicklungen landläufig weitgehend unbekannt. Nicht nur die Medien, auch Politik und Wirtschaft tun sich bisher schwer mit E-Sports. "70 Prozent der Bundestagsabgeordneten haben keine Vorstellung davon, was der Begriff E-Sport überhaupt bedeutet", erklärt der CDU-Landtagsabgeordnete Thomas Jarzombek, Jahrgang 1973, aus Düsseldorf und meint damit vor allem seine älteren Kollegen. Dabei, so Jarzombek, habe er längst einen parteiübergreifenden Konsens mit anderen jüngeren Abgeordneten gefunden, dass E-Sports in Deutschland mehr Aufmerksamkeit und Förderung verdienen, weil sich Computerspiele zum neuen Leitmedium entwickeln und dadurch auch E-Sports den Sport verändern werden. Jene Veränderungen beobachtet Frank Sliwka – Vorstandsvorsitzender des deutschen E-Sport-Bundes (esb) Tag für Tag: "2004 gegründet, zählte der esb ein Jahr später bereits 7500 Mitglieder, die aus allen Gesellschaftsschichten kommen", erklärt Sliwka. Vom Teenager bis zum Familienvater ist alles dabei. Und auch immer mehr Frauen spielen mit: "Der Anteil weiblicher Spieler steigt überdurchschnittlich an, gerade weil es ein zunehmend breiteres Angebot an Genres und Spielen gibt. Hinzu kommt, dass es ein gutes Dutzend weiblicher Clans gibt, die sehr viel dazu beitragen, E-Sports für Frauen attraktiver zu machen, und gezielt als weibliche Clans auftreten. ›Les Seuls‹ aus Dänemark etwa sind international die bekannteste Frauencombo und als Counter-Strike-Team sehr erfolgreich", berichtet Ibrahim Mazari, Sprecher der Electronic Sports League (ESL). Bei der größten deutschen Onlineliga mit Sitz in Köln sind rund eine halbe Million E-Sportlerinnen und -Sportler Mitglied. Sie alle haben eines gemein: das Interesse fürs digitale Sportspiel. "Die meisten Spieler sind gebildet und auch sozial überdurchschnittlich gut gestellt", weiß Jürgen Fritz, Professor für Spiel- und Interaktionspädagogik sowie komplexe Kommunikation an der Fachhochschule Köln. Allerdings werden sie und E-Sport in der Öffentlichkeit immer noch als Exoten belächelt. Jürgen Fritz erklärt, warum: "Die virtuelle Welt lässt sich nur dann verstehen, wenn man aktiv daran teilnimmt."

 

Gerade weil die breite Öffentlichkeit (noch) nicht spielt, wird die boomende E-Sports-Szene ignoriert. Ein Grund dafür: "In unserem Kulturkreis haben die Menschen immer noch große Hemmungen, einen Sport zu akzeptieren, der sich primär über Geräte abspielt", analysiert Fritz. Anderswo sieht es hingegen anders aus: In Ländern wie China und Korea werden E-Sports-Turniere im Fernsehen übertragen und von Millionen live mitverfolgt. Die Protagonisten der Szene sind Stars und genießen Kultstatus wie Europas Fußballikonen. Davon ist man hierzulande weit entfernt. Ein Anruf bei den Traditionalisten vom DOSB während der Recherche zu diesem Artikel ernüchtert: Auf die Frage nach einem Ansprechpartner zum Thema E-Sports herrscht Verwirrung. "Worum geht`s? I-Sports?", vergewissert sich der Funktionär, fasst sich dann aber schnell. Klar kenne man E-Sports, doch der sei nicht mehr als ein "Freizeitvergnügen". Mit seinen Richtlinien schließt der DOSB potenzielle Anfragen nach der Aufnahme in den anerkannten Zirkel aus: "Die Ausübung der Sportart muss eine eigene, sportartbestimmende motorische Aktivität eines jeden zum Ziel haben, der sie betreibt."

 

 

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