"Jugendliche nehmen Warnhinweise nicht ernst"

Der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest (mpfs) untersucht jedes Jahr den Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen. Dabei zeigt sich, dass Jugendliche zwar die Alterskennzeichnungen für Computerspiele kennen, diese jedoch nicht beachten. Spielen verbindet fragte Geschäftsstellenleiter Thomas Rathgeb, wie Jugendliche heutzutage mit Computerspielen umgehen und welche Folgen sich daraus für die Medienerziehung zuhause ergeben.

 

Herr Rathgeb, welche Ziele haben Sie mit Ihrer jährlich erscheinenden Studie „Jugend, Information, Multimedia“? Welche Altersgruppe untersuchen Sie?

Die JIM-Studie untersucht seit 1998 den Medienumgang der deutschsprachigen Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren in Deutschland. Es geht uns hierbei darum, die gesamte Mediennutzung in der Freizeit zu erfassen, also die Bedeutung von Computer und Internet im Alltag aber auch die Nutzung klassischer Medien wie Fernsehen und Radio oder das Lesen von Büchern und Tageszeitungen. Ziel ist hierbei, objektive und repräsentative Daten bereitzustellen um die oft sehr emotional geführten Debatten zum Thema „Jugend und Medien“ zu versachlichen.

Welchen Stellenwert haben Computer- und Videospiele für Jugendliche  heutzutage?

Sie sind eine wichtige Freizeitbeschäftigung unter anderen. Knapp ein Drittel der Jugendlichen spielt regelmäßig - also mindestens mehrmals pro Woche - Computerspiele am Rechner, etwa jeder Vierte nutzt in dieser Häufigkeit Konsolenspiele. Nur 12 Prozent nutzen täglich Computerspiele, nimmt man zum Vergleich das Internet oder das Fernsehen, das jeweils knapp zwei Drittel täglich nutzen, zeigt sich, dass die Alltagsrelevanz anderer Medien größer ist. Nichtsdestotrotz sind Computer und Konsolenspiele schon seit einiger Zeit Teil der Jugendkultur.


Gibt es zwischen Jungen und Mädchen Unterschiede? Stimmt das Klischée, das digitale Spiele ein Hobby von Jungen und Männern sind?

Viele Daten bestätigen diese Ansicht. So besitzen 60 Prozent der Jungen, aber nicht einmal jedes dritte Mädchen eine eigene Spielkonsole. Der Anteil der Jungen, die sich regelmäßig mit Spielkonsolen beschäftigen, ist viermal höher als der der Mädchen. Jedes zweite Mädchen spielt nie Konsolenspiele. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Computerspielen am PC. Auch bei der Nutzungsdauer der Spieler  zeigen sich große Unterschiede: Jungen nutzen im Durchschnitt doppelt so lange Computer- und Konsolenspiele wie Mädchen.

Sie haben sich u.A. mit der Wirkung der USK-Alterskennzeichen beschäftigt. Ihre Studie offenbart, dass 83% der deutschen Jugendlichen diese selbst einmal gesehen haben. Lässt sich hieraus folgern, dass die Alterskennzeichen von den Jugendlichen angenommen werden?

Dass es eine Alterskennzeichnung gibt, ist den Jugendlichen bekannt und die Kennzeichen werden auch wahrgenommen, übriges deutlich mehr als noch vor vier Jahren. Allerdings bedeutet dies nicht, dass damit auch die Systematik und die Intention der Alterskennzeichnung präsent ist. Die Tatsache, dass fast zwei Drittel von denen, die diese Kennzeichen kennen, bereits Spiele gespielt haben, für die sie eigentlich zu jung waren, zeigt, dass Jugendliche diese Warnhinweise nicht allzu ernst nehmen.


Drei Viertel aller Befragten gibt an, sie könnten wahrscheinlich ohne größere Probleme an Spiele gelangen, die nicht für sie freigegeben sind. Wo liegen nach Ihren Erkenntnissen die Schwachstellen?

Hier zeigen sich mehrere Schwachstellen. Auf die Frage, wie die Spieler glauben, an diese Spiele heranzukommen, wird der Freundeskreis genannt, aber auch der Handel und die Eltern. Dass Spiele unter Jugendlichen kursieren, wird sich wohl kaum ändern, dass allerdings der Handel und vor allem die Eltern genannt werden, stimmt schon bedenklich, hierauf baut ja die Idee einer Alterseinstufung.

 

Die Medienerziehung gewinnt in der heutigen Zeit an immer größerer  Bedeutung. Sie haben die Jugendlichen gefragt, wie sie mit dem Thema  „Computerspiel“ daheim umgehen. Wird in deutschen Wohnzimmern  ausreichend über das Thema Spiele gesprochen? Haben deutsche Jugendliche viele Freiheiten im Umgang mit Computerspielen oder gibt es klare Regelungen zwischen Eltern und Kindern?

Das Thema Computerspiele spielt – trotz der großen öffentlichen Debatte - offensichtlich zu Hause kaum eine Rolle. 75 Prozent der Spieler haben zu Hause keine Absprache über die Art der Spiele und drei Viertel haben keinerlei Regelung, was die Dauer der Spiele betrifft. Allerdings scheint dies dennoch kein großes Konfliktpotential zu bergen. Nur etwa jeder Zehnte hat zumindest gelegentlich Probleme mit den Eltern wegen des virtuellen Spielens.


Welche Ergebnisse der JIM-Studie haben Sie persönlich am meisten  überrascht?

Gerade die Frage der Spiele im Elternhaus hat mich schon überrascht, hier hätte ich mehr Konflikt, aber auch mehr Engagement der Eltern erwartet. Insgesamt ist beeindruckend, wie Jugendliche die Vielfalt der technischen Möglichkeiten für ihren Alltag nutzen. Sie sind gut vernetzt, nutzen die Möglichkeiten des Internets und lesen Bücher oder Zeitungen, schauen fern und hören Radio. Trotz aller Medienpräsenz finden sie noch Zeit für Freunde, Sport, Parties, ihre Hobbies und natürlich die Schule.


Aus Ihrer Erfahrung als Wissenschaftler, der sich eingehend mit den Effekten von Medienerziehung beschäftigt hat: Gibt es allgemeine Dinge, die Eltern beachten sollten?

Eltern sollten die Mediennutzung ihrer Kinder von Anfang an begleiten, das beginnt bereits im Kindesalter beim Fernsehen und später bei Computer, Internet oder dem Handy. Die Spiele machen da keine Ausnahme. Eltern sollten die Auswahl der Spiele mit ihren Kindern gemeinsam besprechen und entscheiden. Sie sollten sich für diese Themen auch wenn die Kinder älter werden noch interessieren, hinschauen und am besten auch einmal mitspielen um sich selbst ein Bild zu machen. Nur so können sie sozusagen auf Augenhöhe dieses Thema ernsthaft diskutieren. Technische Dinge müssen sich manche Eltern vielleicht von ihren Kindern erklären lassen. Eltern sollten klar vermitteln, wo sie Grenzen setzen, zum Beispiel bei den Inhalten der Spiele. Wenn sich Eltern erst im Jugendalter ihrer Kinder damit beschäftigen, ist es sicher nicht mehr so einfach, hier einen bewussten Medienkonsum zu vermitteln. Vor allem sollten Eltern mit ihrem eigenen Medienkonsum ein Vorbild sein.

IHR KOMMENTAR

Bitte ergänzen Sie Ihren Kommentar!

Thomas Rathg

Foto: Thomas Rathgeb

Der Sozialwirt Thomas Rathgeb ist seit 1997 Referent bei der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg in der Abteilung Kommunikationswissenschaft. Seit Juni 2004 ist er Leiter der Geschäftsstelle des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest (mpfs) sowie der Mediendaten Südwest.